Dr. Dirk Blothner / FILMWIRKUNGSANALYSE
ENTREE
Im Kino: Wohin uns die Unruhe des Lebens treibt
Malen oder Lieben (F 2005)
Buch & Regie: Arnaud und Jean-Marie Larrieu
Die Eingangszene setzt die Aktivität der Zuschauer bewusst ein, um einen
Wirkungsprozess zu modellieren, der das Ganze vorwegnimmt. Da sind die
erregenden Landschaftsaufnahmen, die Suche Madeleines (Sabine Azéma) nach dem
geeigneten Platz zum Malen, das Einnehmen der optimalen Position und das Bild
das sie malt, das wir niemals zu sehen bekommen. Dann folgt eine Störung, die
wir mit Unruhe verfolgen. Die seltsamen Bewegungen eines Mannes, die sich erst
allmählich als der unsichere Gang eines Blinden herausschälen. Er heißt Adam (Sergi
Lopez) und ist der Bürgermeister des Ortes. Wir werden Zeugen einer
Kontaktaufnahme, eines sich Einstellens aufeinander. Halbbewusst spüren wir
die Erotik in dem Moment der zufälligen Begegnung zwischen der schauenden Frau
und dem blinden Mann. Und wir erfahren, dass sich ganz in der Nähe, am Rande
des sichtbaren Bildes, ein Haus befindet. Adam verführt Madeleine, ihm dorthin
zu folgen. Er wolle ihr das Haus zeigen. Auch der Hausbesitz sei ein Gefühl!
Und schon sind wir über eine Phase der Unruhe vom Malen zum Lieben
übergegangen. Und erst dann, wenn die beiden den Rahmen des Bildes verlassen
haben, kommt das ruhig dastehende Gebäude in den Blick. Ein Haus, das schon
über hundert Jahre dort stehen mag und der Unruhe des Lebens eine Form gegeben
hat. Das Verhältnis von Unruhe und Verfassung hat sich etabliert und wird uns
nicht wieder loslassen.
Am Ende steigt am späten Abend William (Daniel Auteuil), der pensionierte Mann
Madeleines, einen Hang hoch und blickt über die in der Abenddämmerung
unheimlich wirkenden Alpen. Wie klein der Mensch wirkt in der unfassbar
weiten, gleichgültig wirkenden Natur! Das ist beunruhigend. Dann wendet sich
William ab und geht zurück zum dem Haus, das wir in der oben beschriebenen,
ersten Szene zum ersten Mal sahen. Schon lange ist es renoviert, bewohnt und
anheimelnd beleuchtet. Hier wohnen William und Madeleine. Hier finden sie
Bergung. Es tut gut, wenn die unheimliche Unruhe der Wirklichkeit eine
Verfassung findet.
Zwischen diesen beiden Szenen bezieht Malen oder Lieben sein Publikum
in den Wandel einer Liebesbeziehung ein. Madeleine und William sind seit
dreißig Jahren verheiratet und lieben sich immer noch. Trotzdem treibt die
Unruhe des Lebens sie zum Partnertausch. Verwundert lassen sie sich von dem
Bürgermeisterpaar Adam und Eva (Amira Casar) dazu verführen und werden von
dieser neuen Organisation ihrer sexuellen Beziehung mehr und mehr in Besitz
genommen. Der erste Spielfilm der Gebrüder Larrieu lässt mit vollziehen, in
welche Faszinosa und Probleme wir in einer Gesellschaft geraten können, in der
die Arbeit immer weniger den Alltag der Menschen bestimmt. Er macht erfahrbar,
wie sehr die konstitutionelle Unruhe des Lebens uns dazu führt, immer neue
Verfassungen für unsere Erregbarkeit auszubilden. Je weniger die Arbeit dem
Leben Richtung gibt, desto mehr werden wir von Obsessionen erfasst. Dann kann
es passieren, dass selbst eine „glückliche Beziehung“ uns das quälende Gefühl
vermittelt, nicht alle erregenden Angebote der Welt unterbringen zu können.
Der Film wurde im letzten Sommer vom französischen Kinopublikum bereitwillig
aufgenommen. Am 14. Juni 2006 ist er in den deutschen Kinos angelaufen.
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Im Kino: Faszination und Schrecken des Fremden
The New World (USA 2005)
Buch & Regie: Terrence Malick
Der Film von Terrence Malick, der vierte des 63jährigen Amerikaners,
erzählt von den ersten englischen Siedlern, die an der amerikanischen Ostküste
im Frühling des Jahres 1607 die Stadt Jamestown gründeten. Einer ihrer
Anführer ist Captain John Smith (Colin Farell), dem Pocahontas (Q’Orianka
Kilcher), die Tochter des Königs der Powhatan-Indianer, das Leben rettet. Das
schöne und verspielte Mädchen verliebt sich in den Glücksritter Smith und wird
daraufhin von ihrem Vater verstoßen. Trotzdem setzt sie sich dafür ein, dass
die in der Landwirtschaft unerfahrenen Siedler den harten Winter überstehen
und trägt damit zur Gründung der „neuen Zivilisation“ auf dem
nordamerikanischen Kontinent bei. Nach einiger Zeit wirft sich der Abenteurer
Smith in eine neue Expedition und lässt das Mädchen enttäuscht zurück. Sie
trauert lange um den Verlust und lernt schließlich den einfühlsamen Siedler
John Rolfe (Christian Bale) kennen, heiratet ihn, wird Mutter und reist mit
ihm nach England, wo sie als wundersame „Prinzessin von Virginia“ am Hof von
King James und Queen Anne bestaunt wird.
The New World wurde Anfang Februar außer Konkurrenz auf der 56. Berlinale
gezeigt und polarisierte dort das Publikum. Die einen waren von der ersten bis
zur letzten Szene fasziniert, andere verließen die Vorstellung schon nach
einer Stunde. Lobende Äußerungen hoben den mythischen Inhalt des Films heraus.
Kritische Stimmen hielten der Produktion vor, die historischen Tatsachen zu
verfälschen und sahen in ihm nicht viel mehr als eine kitschige Lovestory im
Indianerland.
Zeitloses Thema
Malick beginnt seinen Film mit Naturaufnahmen. Er führt den Betrachter
unter Wasser. Menschenkörper gleiten verschwommen an ihm vorbei. Die Bilder
werden von der langsam anschwellenden Ouvertüre zu Wagners Rheingold und von
für Malick typischen, poetisch-philosophischen Off-Kommentaren unterlegt.
Dann hebt sich aus der Einheit des Wassers eine Gegenüberstellung heraus:
Zunächst sind drei friedlich wirkende Handelsschiffe in der Mündung eines
Flusses zu sehen. Es sind Engländer, die zum ersten Mal den neuen Kontinent
betreten wollen. Unruhig und neugierig nehmen sie die geheimnisvollen
Uferlinien in den Blick. Hierauf wechselt der Film die Perspektive. Aus dem
dichten Wald beobachten bemalte Eingeborene die Aktivität der Seeleute. In
ihrem Blick werden diese zu Fremden, zu Eindringlingen. Etwas später, an Land,
umkreisen die Indianer die Besucher aus der alten Welt. Sie schnuppern an
ihnen und betasten sie. Auf der Gegenseite sind Verwunderung und Angst ähnlich
ausgeprägt: Eine intensiv inszenierte Annäherung an das unfassbar Fremde. Ein
spannungsvoller, explosiver Moment, der sich in jedem Augenblick in gewaltsame
Bemächtigung verkehren kann.
The New World behandelt sein Thema nicht nur auf der sichtbaren Oberfläche,
sondern auch im Erleben der Zuschauer. Über die sich langsam und zerdehnt
entfaltenden Bildentwicklungen durchleben sie ambivalente Qualitäten von
Faszination und Befremden, Annäherung und Entzweiung, Bindung und Verrat und
werden zusehends in die Konkurrenz unterschiedlicher Lebensformen verwickelt.
Auf diese Weise macht der Film deutlich, dass die Menschen vor 400 Jahren
ähnliche Konflikte zu behandeln hatten wie heute. Was zwischen den englischen
Siedlern und den Powhatan-Indianern zu Beginn des 17. Jahrhunderts
ausgehandelt wurde und als Anstoß und Gefahr in unseren Tagesläufen immer
wiederkehrt, realisiert sich auch als „Kampf der Kulturen“ in den
Krisengebieten unserer Zeit.
Mitten in der Begegnung zwischen Engländern und Ureinwohnern setzt mit
einem Mal die Musik aus. Es ist still. Nur der Klang der Natur ist zu hören.
Der sensible Moment der Annäherung der beiden einander fremden Kulturen
scheint stillzustehen. Ist der Moment der Gewalt gekommen? Nein, die Blätter
der Bäume, die Strahlen der Sonne, die Gesichter der Menschen und ihre Gesten
bleiben in einem Rahmen. Christen und Naturals begegnen sich respektvoll und
interessiert. Sie zeigen den besten Willen, friedlich miteinander auszukommen.
Und doch bleibt der explosive Grundton erhalten. Doch einige Zeit später, als
ein Powhatan aus der Laune des Augenblicks heraus die Axt eines Engländers an
sich reißt, findet dann doch die befürchtete Wendung statt. Jemand greift
vorschnell zum Gewehr, erschießt den Indianer und damit ist die Phase der
respektvollen Begegnung vorbei. Von nun an beginnen sich die beiden Kulturen
misstrauisch zu beäugen und der Krieg zwischen ihnen nimmt seinen
eskalierenden Lauf.
Puppe in der Puppe
Tausendfach hat sich diese Verkehrung einer zunächst offenen Begegnung
zwischen unterschiedlichen Lebensformen seit 1607 wiederholt. In dutzenden von
Action-, Piraten- und Abenteuerfilmen haben wir ähnliche Übergriffe verfolgt.
Aber mit seinen ruhigen und zerdehnten Bildentwicklungen, dem zum Innehalten
zwingenden Off-Kommentar und der unsterblichen Musik Wagners und Mozarts
bricht der Film die Handlungsebene immer wieder auf und legt in ihr ein
Grundmuster der menschlichen Wirklichkeit frei. Das Fremde ist verheißender
Anstoß und Schrecken zugleich. Wir suchen es unserem Bilde anzugleichen, weil
wir befürchten, von ihm vernichtet zu werden. Aber wenn wir es aus der Welt zu
bringen suchen, verliert sie ihren Reiz. Auch wenn der Plot in manchen Punkten
von den historischen Begebenheiten abweicht, ist deshalb der Film nicht
weniger wahr. Es gelingt ihm, eine zeitlose und überpersönliche Problematik
unmittelbar spürbar zu machen.
Wenn sich einige Zeit später John Smith und Pocahontas allein auf einer
Lichtung im Wald begegnen, einander umkreisen, anziehen und verschrecken,
spielerisch aufeinander zu tänzeln und sich wieder entfernen, wiederholt sich
die Anfangssequenz in der persönlichen Annäherung zwischen Mann und Frau. In
jeder Szene hält Malicks Inszenierung das Unvereinbare in dieser Begegnung
fest und macht zugleich die Sehnsucht spürbar, die Unterschiede zu überwinden.
Und ähnlich wie auf der oben beschriebenen Handlungslinie sich Misstrauen,
Verrat, Kampf und Unterwerfung einschleichen, wird auch diese so arglos
begonnene Anziehung in Zweifel, Trennung und Leiden enden.
Malicks Film zeichnet aus, dass er Wendungen der Wirklichkeit als Puppe in
der Puppe entfaltet. Der Rahmen wird gebildet durch die Besetzung des
nordamerikanischen Kontinents durch die Engländer. Doch darin steckt wie in
einer Miniatur die neugierige, offene und liebevolle Annäherung zwischen zwei
Menschen. Es ist auf beiden Handlungslinien das Andere, das Fremde, das sich
erst in Freundschaft und Liebe aufzuheben sucht und schließlich Anstoß für
Entzweiung und Leiden ist. Indem Malick die Situation der ersten Siedler in
Nordamerika mit der legendären Liebe zwischen einem Europäer und einer
Indianerin verschränkt, macht er spürbar welch Kultivierungsarbeit die
Existenz des Fremden von uns immer wieder verlangt. Ähnliche Konflikte, wie
wir sie auf der kulturellen Ebene zu lösen haben, beschäftigen uns auch in
unseren persönlichen Beziehungen.
Die Reaktionen auf der Berlinale haben gezeigt, dass The New World nicht
Jedermanns Sache ist. Wir sind es gewohnt, entweder das eine oder das andere
zu verfolgen und wehren uns daher gegen die intensive Verschränkung des
Kulturellen mit dem Persönlichen. Vertraute Ordnungen verhindern, die nur
schwer zu beschreibende, überpersönliche Wirkungsebene des Films zu erkennen.
Und schließlich wollen wir gar nicht so genau wissen, dass der Umgang mit dem
Anderen ein unlösbares Konstruktionsproblem des menschlichen Lebens ist, das
uns nicht nur auf kulturell-politischer Ebene, sondern auch in unseren
privaten Beziehungen immer wieder herausfordern wird. Aber gerade weil The New
World das Filmerleben in diesen unauflösbaren Drehpunkt des Lebens
hineinführt, ist er ein gelungener Film. Vielleicht sogar Malicks Meisterwerk.
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Untersuchungen zum USP des Kinos
Bei der Suche nach den Gründen für die aktuelle Kinokrise wurden bereits
DVD-Boom, Zielgruppenverschiebungen oder inhaltliche Probleme angeführt.
Weniger Berücksichtung fanden dagegen Untersuchungen zum besonderen Unique
Selling Point (USP) des Kinos.
Freizeitmarkt im Umbruch
Der Rückgang der Kinobesuche ist auch im Kontext der Umwälzungen auf dem
Freizeitmarkt zu sehen. Hierbei spielt eine große Rolle, dass die Menschen mit
einer immer größeren Vielfalt von Freizeitformen konfrontiert werden. Wenn man
die Verbraucheranalyse 2000 mit 2005 vergleicht, sind allein in den
vergangenen fünf Jahren 8 neu erhobene relevante Freizeitaktivitäten
hinzugekommen. Das Kino als eine klassische, eindeutig fiktionale
Unterhaltungsform sieht sich unter diesen Bedingungen einer immer größeren
Konkurrenz ausgesetzt. Früher hatte es sich gegenüber dem häuslichen Fernsehen
zu behaupten. Heute wird es zudem von einer enormen Vielfalt von
Freizeitaktivitäten out of home bedrängt. Gerade die jungen Menschen auf haben
mit der Verbreitung von Mobiltelefonen eine völlig neue Kommunikativität
erlangt: Per SMS und Anruf lässt sich der Freizeitmensch jederzeit zu dem
aktuellen Event oder der angesagten Party manövrieren.
Befragt, warum sie weniger ins Kino gehen, antworten die Kinogänger zuerst mit
dem fehlenden Filmangebot, zum zweiten mit der Klage, sie hätten keine Zeit
zur Verfügung und drittens mit der Bemerkung, der Kinobesuch sei ihnen
inzwischen zu teuer. In diesen in 2005 durch die CAG-Kinostudie abgefragten
Reaktionen bei 3455 Kinogängern spiegelt sich die ganze Belastung, dem die
Menschen auf dem heutigen Freizeitmarkt ausgesetzt sind. Die Antwort „zu
teuer“ zeigt, wie sehr das große Angebot an Freizeitaktivitäten – nicht nur
des Kinos - das Portemonnaie belastet. Die Begründung „keine Zeit“ bringt
darüber hinaus zum Ausdruck, unter welch enormem Entscheidungsdruck die
Menschen stehen. Angesichts der großen Auswahl sind sie unsicher, ob sie das
Richtige tun und haben Angst, etwas Wichtigeres zu verpassen. Und wenn die
Kinogänger klagen, das „Filmangebot“ sei nicht überzeugend, bringen sie damit
auch zum Ausdruck, dass sich das Kino als anziehende Unterhaltungsform immer
weniger gegenüber anderen geltend zu machen versteht. Sie beklagen den
fehlenden Anreiz durch die Kinofilme.
Filmerlebnis ist USP des Kinos
Die beschriebene Situation verlangt unseres Erachtens eine schnelle und
entschiedene Rückbesinnung auf den entscheidenden USP des Kinofilms. In dem
Maße, in dem andere Freizeitformen ihre besonderen Unterhaltungsformen
offensiv propagieren, muss auch die Kinowirtschaft sehr viel stärker
herausstellen, was sie den Menschen Unvergleichliches zu bieten hat.
In der oben erwähnten exklusiven Kinostudie der CAG Marktforschung wurden auch
Fragen zu bevorzugten Eigenschaften eines Stammkinos gestellt. Die Antworten
machen deutlich, dass es den Kinogängern vor allem um das Filmerlebnis geht.
Fragen, ob sich in der Nähe des Filmtheaters ein Restaurant befindet, ob sie
die Karten vorreservieren können u. ä. spielen in ihrer Auffassung eine
untergeordnete Rolle. Sie sind sogar bereit, einen längeren Anfahrtsweg in
Kauf zu nehmen, den Wagen weiter entfernt zu parken, wenn nur die
Voraussetzungen gegeben sind, ein fesselndes Filmerlebnis zu haben. Denn im
Einzelnen verlangen sie, dass
• der Inhalt des Films stimmt,
• die Leinwand groß genug ist,
• Ton- und Bildqualität optimal sind,
• sie komfortabel sitzen können,
• die Umgebung sauber und gepflegt ist und
• sie vom Personal freundlich behandelt werden.
Wenn man bedenkt, welch enorme Anstrengungen die übrige Dienstleistungsbranche
in den vergangenen Jahren unternommen hat, um dem Kunden ein „Königsgefühl“ zu
vermitteln, kann man diese schlichten, um den USP des Filmerlebens zentrierten
Wünsche gut verstehen. Die Menschen spüren, dass mit dem Kinobesuch eine ganz
bestimmte Unterhaltungsform verknüpft ist. Sie wollen sicher gehen, dass sie
in dieser Hinsicht nicht enttäuscht werden. Kino ist eines der wenigen
Freizeitformen, in denen sie sich für zwei Stunden völlig fesseln lassen. Sie
wollen sich von einem bedeutsamen Inhalt „verwandeln“ lassen, ohne die damit
im realen Leben verbundenen Konsequenzen erleiden zu müssen. Kurz: Kino ist
Verwandlung auf einem sicheren Stuhl.
USP offensiv vermarkten
Die Kinowirtschaft hat heute mehr denn je die Aufgabe, solche von keiner
anderen Branche angebotenen Fesselungserlebnisse zu höchster Form zu bringen.
Sie sollte ihren besonderen USP sehr viel engagierter auf dem Freizeitmarkt
vertreten und faszinierende Verwandlungsversprechen zu bezahlbarem Preis
vermarkten. Wenn der Branche dies im Ganzen gelingt, kann das Kino auf der
Grundlage eines starken USP daran gehen, seine Unterformen weiter zu
differenzieren. Neben den großen Abspielstätten, werden sich in definierten
Nischen kleinere Kino etablieren können, die mit Programm und Ambiente auf die
Erwartungen spezifischer Zielgruppen eingehen.
Ellen Didszus, Dirk Blothner
veröffentlicht in Blickpunkt Film 08 / 2006
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Im Kino: Zu viel gewollt und darüber das Publikum verfehlt?
King Kong (Neuseeland / USA 2005)
Regie: Peter Jackson
Der von der Kinowirtschaft mit Spannung erwartete Film von Peter Jackson
hat es nicht geschafft, am Ende des flauen Kinojahres 2005 das Ruder noch
einmal entscheidend herumzureißen. Die Einspielergebnisse sind nicht wirklich
schlecht, lassen aber auch keinen außergewöhnlichen Blockbuster erwarten. Der
hohe Druck der Marketingkampagne des Verleihers UIP hat in der ersten Woche
Wirkung gezeigt. Doch danach entscheidet die Mundpropaganda über das Schicksal
eines Neustarts. Entfaltet der Film aus sich heraus keine überzeugende
Wirkung, lassen die Zuschauerströme rasch nach.
Wie CAG Düsseldorf und Filmwirkungsanalyse Köln im Dezember in Blickpunkt
Film an den Daten des GfK-Panels nachweisen konnten (siehe den untenstehenden
Artikel auf dieser Seite), setzt Hollywood seit einigen Jahren auf den ganz
großen Wurf. Es werden mehr und mehr Filme produziert, die auf die Bedürfnisse
möglichst aller Zielgruppen einzugehen suchen. In ein und demselben Film
werden die Jungen mit atemberaubenden Spezialeffekten, Twens mit
ungewöhnlichen Inhalten, Frauen mit rührenden Liebessubplots und die Älteren
mit bewegenden Einsichten in die Konstruktionsprobleme des Lebens versorgt.
Eine solche Rechnung geht jedoch nur auf, wenn der Film durch alle
Einzelperspektiven hindurch eine starke Verfassung ausbildet. Von einem
wirklich zentrierten Erlebnis lassen sich Jung und Alt, Mann und Frau,
Arbeiter und Akademiker für einige Stunden auf ein und dieselbe Entwicklung
einschwören. Titanic hatte es Ende der 1990er Jahre vorgemacht. James Cameron
war es gelungen, einen Jahrhundertmythos, die ängstliche Stimmung an der
Jahrtausendwende, beeindruckende Spezialeffekte und eine bewegende
Liebesgeschichte in einer fesselnden Verfassung zu vereinen. Jede Szene
illustrierte das übergreifende Thema des Films und die Zuschauer waren deshalb
von Anfang bis Ende mittendrin. Herr der Ringe und Harry Potter haben diesen
Trend in den vergangenen Jahren erfolgreich fortgeführt. King Kong sollte sich
in diesen Siegeszug der Blockbuster für alle einreihen. Doch in diesem Fall
war die Sehnsucht nach dem großen Wurf größer als die wirkungspsychologische
Vernunft.
Das wirkungspsychologische Problem von King Kong fängt damit an, dass es im
ersten Drittel schwer fällt, eine emotionale Richtung zu finden, die auf den
Kernkomplex des Ganzen zuführt. So wird man weder mit der schönen und
traurigen Ann Darrow (Naomi Watts) noch mit den ehrgeizigen Plänen des
Regisseurs Carl Denham (Jack Black) warm. Auch die sich anbahnende Liebe
zwischen Ann und dem Drehbuchautor Jack Driscoll (Adrien Brody) setzt sich
nicht in zentrierten Wirkungsqualitäten fort. Zwar sprechen die Figuren
Absichten und Gefühle aus, aber sie wirken wie Behauptungen und stellen
deshalb keine einbindende Volte im Erleben der Zuschauer her. Die Fahrt über
den Ozean und die ersten Schritte auf dem unheimlichen Eiland sind zwar für
manchen Schock und einige Gänsehaut gut, aber vom Ganzen her betrachtet,
wirken sie unverbunden, auf bloße Beeindruckung ausgerichtet.
Erst wenn es zu der Begegnung zwischen der blonden, zarten Schönheit und
dem schwarzen, riesigen Gorilla kommt, entfaltet sich im Filmerleben eine
packende und anrührende Gestalt. Sie hat zu tun mit der unberechenbaren Macht
der Liebe, die groß und klein, schwarz und weiß, Kraft und Anmut, männlich und
weiblich, Tier und Mensch auf zauberhafte Weise zu vereinen versteht. Größer
können die Unvereinbarkeiten kaum ausfallen und doch werden sie, je länger der
Film dauert, auf magische Weise überwunden. Hierin hat der Film sein
emotionales Zentrum gefunden.
Wenn die anmutige Ann tanzt und jongliert, um Kongs schlechte Laune zu
vertreiben, wenn Affe und Frau ihren Blick auf die Schönheit des
Sonnenuntergangs richten, wenn sie unter ihrer Trennung leiden und einander im
verschneiten New York suchen, wenn sie sich in intimer Vertrautheit auf dem
Dach des Empire State Buildings in die Augen blicken, vergehen alle Zweifel an
der Wahrscheinlichkeit der Geschichte, weil der Film es versteht, in
zerdehnten Augenblicken das Gefühl einer liebevollen Annäherung lebendig zu
halten. King Kong ist im Kern ein Liebesdrama und bezieht seine Wirkung – wie
zum Beispiel auch Disneys Die Schöne und das Biest – aus der Modellierung
einer unmöglichen Vereinigung. Doch ein großer Teil der beeindruckenden
Actionsequenzen führt in eine ganz andere Richtung.
Im Kino erwarten die Menschen Fesselungserlebnisse. Aber die können sich
nur ausbilden, wenn die in den einzelnen Zuschauern entfesselten
Wirkungsqualitäten einen bedeutsamen und damit spürbaren Rahmen erhalten. So
wie sich ein Land eine Verfassung gibt, damit die Vielfalt der Lebensentwürfe
nicht in Anarchie übergeht, so brauchen Filmwirkungsprozesse eine starke
inhaltliche Vereinheitlichung. Vielleicht haben die physischen Beeindruckungen
zu Beginn der digitalen Revolution solche Notwendigkeiten noch überformen
können. Heute aber, nachdem das Publikum mit Spezialeffekten überfüttert
wurde, wird es Zeit zu diesen Grundwahrheiten zurückzufinden. Hätte Peter
Jackson seinem Tiefenthema mehr vertraut, wäre der Film eine gute Stunde
kürzer geworden. Seiner Wirkung wäre diese Konzentration sehr
entgegengekommen. Nun haben wir die Situation, dass sich die jungen Kinogänger
durch die romantischen Abschnitte des Films durchbeißen und die älteren und
weiblichen Zuschauer ihre Augen bedecken müssen, wenn gefräßige
Tyrannosaurusse und überdimensionale Kakerlaken ein vorübergehendes
Horrorszenario entfalten. Kaum einer wird wohl aus diesem Film rundum
zufrieden herauskommen können. Denn er wurde um ein zentriertes Filmerlebnis
betrogen.
Dr. Dirk Blothner I
fon 49 221 418223 I
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